
von Thekla Walker 29.09.10, 09:30 Uhr
Mit enormem Aufwand versuchen nun die Projektbefürworter von Stuttgart 21 den ökologischen Frevel 100 alte Parkbäume zu fällen, mit einem pseudo-ökologischen Mäntelchen zu kaschieren. Dreissig 12 Meter hohe Bäume sollen versetzt werden, 100 neue Bäume sollen schon mal in entsprechender Größe “vor”gepflanzt und dann nach Fertigstellung in ca. 10 Jahren an die vorgesehene Stelle versetzt werden. Das schreit zum Himmel! Jeder, der sich nur ansatzweise mit der Anpflanzung von Bäumen auskennt, ob in Forst oder Grünpflege, weiß, dass diese Aktion ökologischer Schwachsinn ist. Die Versetzung von großen, älteren Bäumen ist schlichtweg gar nicht möglich. Die Wurzeln haben sich im Laufe der Jahre meterweit in die Tiefe und die Horizontale des Bodens vergraben und ein Netzwerk mit den umgebenden Pflanzen, Pilzen und anderen Mikroorganismen gebildet. Es ist unmöglich, einen entsprechend verwachsenen Baum aus dieser Symbiose einfach heraus zu schälen. Man kann an verschiedenen Orten in der Stadt gerade beobachten. dass die Versetzung von Bäumen eben nicht funktioniert, wie aktuell bei der Grünen Fuge, wo mehrere Platanen trotz großem Pflegeaufwand langsam absterben. Die Quintessenz dieser Versuche heißt: Es kostet sehr viel Geld und am Ende stirbt der Baum in der Regel doch. Deshalb ist es so wichtig, bestehende ältere Bäume zu erhalten. Die Baumschutzverordnung wurde ja nicht ohne Grund erfunden.
Das gleiche gilt entsprechend für die 100 neuen Bäume, die sich in den 10 Jahren an den Standort anpassen, wo sie gepflanzt werden. Wie viele davon die Versetzung überstehen werden, ist äußerst fragwürdig. Aber Geld spielt ja bei Stuttgart21 keine Rolle, also kann man auch viel Geld in die Hand nehmen, nur um einen ökologischen Schein herzustellen, der gar nicht existiert.
Die Haltung, die sich dahinter manifestiert, ist allerdings weniger schön, denn scheinbar gehen die Projektplaner davon aus, dass sich Natur und Bäume beliebig hin und her schieben lassen wie Möbelstücke, die mal hier und mal dort neu arrangiert werden. So funktioniert aber Natur nicht, und es wird Zeit, dass man das endlich anerkennt.
Liebe Thekla,
Du sprichst mir mit jedem Wort aus der Seele und rennst quasi offene Türen ein. Der politische Klüngel versucht gnadenlos Fakten zu schaffen, so schnell es eben geht, um das Projekt “unumkehrbar” zu machen … Es ist ein unverzeihlicher Frevel, der den Ansporn, offenen Widerstand zu leisten, zur Folge haben wird … wir können auch noch ganz anders, wenn die Herrschaften das so wünschen … ansprechbar sind sie ja nicht mehr. Dann kriegen sie’s halt härter … Auch unsere Geduld ist irgendwann am Ende …
Gerade kam Alarm rein - sofort in den Park kommen …!
Viele Grüße, Beate
Mit dem Gesicht zum Volke? Fürchtet Euch nicht!
Es tut schon fast physisch weh, wenn man noch kein Jahr nach der gewonnen Landtagswahl beim Blick nach Stuttgart immer öfter beobachten muss, dass prominente Grünen-Repräsentanten auf Regierungsebene, auf Ebene des Landesvorstands, der Landtagsfraktion und darunter geradezu krampfhaft an Sprachregelungen festhalten und sich schon gar nicht mehr trauen, aus vorgegebenen Sprachkorridoren auszubrechen.
Warum haben wir denn letztes Jahr Wahlkampf gemacht und einen Politikwechsel eingeleitet? — Auch wenn es sicherlich eine historische Chance ist, auf “Augenhöhe” mit den Bürgern eine “Politik des Gehörtwerdens” ins Laufen zu bringen und die verschiedenen grünen Reformprojekte anzugehen, was bringt es am Ende, wenn man als Preis dafür ein krasses “Stillhalteabkommen” mit Beton-Genossen von der SPD und verquere Kompromisse im politischen Handeln bis hin zur politischen Selbstverbiegung eingehen muss?
Überzeugungen werden ganz allmählich zwischen den Mühlsteinen der Macht geopfert und aus Angst vor dem Koalitionspartner wird man dann immer öfter die eigene Courage verleugnen, ganz einfach aus Gründen der Koalitionsdisziplin. Irgendwann erschrickt man morgens beim Blick in den Spiegel … Aber dann ist’s zu spät!
Fürchtet Euch nicht! — Geht zurück auf “original” grüne Positionen und beginnt, klare Kante zu zeigen: Unverbogen — glaubwürdig — authentisch; sonst ist ein Neustart des Projekts “Das NEUE Baden-Württemberg” früher oder später unumgänglich, und wenn es dumm läuft, dann ohne Grün …
Am Hauptbahnhof ist ein Hegel-Zitat oben am Fries der Schauseite zur Schillerstraße angebracht: “… dass diese Furcht zu irren, schon der Irrtum selbst ist.” Das ist ein schönes Motto für die Zukunft: “Nicht wanken! Aufrecht gehen! Oben bleiben!”
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