
von Jochen Stopper 18.05.09, 18:19 Uhr
Globaler Klimawandel und lokale Luftschadstoffbelastung sind Grund genug, für eine Wende in der Verkehrspolitik zu kämpfen, auch und gerade in Stuttgart. Stuttgart braucht weniger Auto- und LKW-Verkehr, vor allem in den Innenstadtbezirken und Bad Canstatt. Von zentraler verkehrspolitischer Bedeutung ist dabei die Frage des Parkplatzangebots: Wie viele Parkplätze braucht eine Innenstadt?
Leider gilt in Stuttgart auch Jahrzehnte nach dem Scheitern des Konzepts der autogerechten Stadt noch immer die Devise: „Es kann nicht genug Parkplätze geben, nur so blühen Einzelhandel und Gewerbe“. Nur leider bringt ein üppiges Parkplatzangebot immer auch üppigen Verkehr mit sich. Und mehr Verkehr erzeugt in Stuttgart immer auch den Ruf nach mehr Straßen und mehr Parkplätzen. Ein verhängnisvoller Fehlschluss, denn mehr Straßen und mehr Parkplätze erzeugen ihrerseits immer auch mehr Verkehr, sind also nicht nur Folge, sondern zugleich auch Ursache gesteigerten Verkehrsaufkommens. Und wo lässt sich diese Erkenntnis besser belegen, als in Stuttgart?
Mittlerweile gibt es im Stadtbezirk Mitte an die 50 (!) öffentliche Parkhäuser und Tiefgaragen, die zusammen mit den bewirtschafteten Straßenrandparklätzen für ein öffentliches Parkplatzangebot von über 19.000 (!) Parkplätzen in der Innenstadt sorgen. Das ist ein Parkplatzangebot, das bezogen auf die Einwohnerzahl viermal so groß ist, wie das vergleichbarer Großstädte wie Bremen oder München. Und mit jedem weiteren Verkehrszuwachs, mit jedem weiteren Dauerstau und jeder weiteren Autoschlange im Parksuchverkehr ertönen neue Rufe nach mehr Straßen, neuen Tunnels und natürlich zusätzlichen Parkplätzen, immer im Bemühen, Straßennetz und Parkplatzangebot dem Verkehrsaufkommen anzupassen – ein endloses und teures Hase-und-Igel-Spiel.
Dass dieses Spiel immer weitergeht, dafür sorgt seit jeher eine Allianz aus Einzelhandel, IHK, ADAC, CDU, FDP und Freien Wählern. Dabei könnten gerade die um den Erhalt jedes einzelnen Parkplatzes kämpfenden Einzelhändler von einer Wende in der Stuttgarter Verkehrspolitik profitieren, denn vielerorts schadet das innerstädtische Verkehrschaos und die verkehrsbedingt schlechte Aufenthaltsqualität vieler Straßen und Plätze dem Einzelhandel inzwischen mehr, als ihm das üppige Parkplatzangebot nützt. Hier müssen wir Grünen noch jede Menge Überzeugungsarbeit leisten und den intensiven Glauben vieler Einzelhändler an die Bedeutung des – möglichst kostenlosen - Parkplatzes direkt vor dem eigenen Schaufenster erschüttern. Meist sind diese Parkplätze nämlich über Stunden belegt, stehen damit der Kundschaft gar nicht zur Verfügung, verursachen aber intensiven Parksuchverkehr und entsprechenden Frust bei den potenziellen Kunden.
Innerstädtischer Einzelhandel kann in der Konkurrenz mit den Konsumtempeln auf der grünen Wiese nur bestehen, wenn er auf seine Stärken setzt, also auf Individualität, guten Service, eine hervorragende Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel und vor allem eine Umgebung mit urbanem Flair. Eine solche Umgebung zeichnet sich durch hohe Aufenthaltsqualität, eine ästhetisch und architektonisch anspruchsvolle Stadtstruktur, vielfältige und dichte Einzelhandels- und Gastronomieangebote, starke Belebtheit durch Anwohner und eine ausgewogene Nutzungsmischung aus - alles Eigenschaften, die durch massives Verkehrsaufkommen reduziert werden.
Für uns Grüne sind deshalb Straßenaus- und -neubau und der Bau zusätzlicher Parkplätze und Tiefgaragen keine Lösung. Nur eine Verringerung des Durchgangsverkehrs, die Wiedereinführung des LKW-Durchfahrtverbots, verkehrsberuhigende und –verlangsamende Maßnahmen, ein konsequentes, flächendeckendes Parkraummanagement und günstigere Angebote im ÖPNV führen die Stuttgarter Innenstadtbezirke aus der verkehrspolitischen Sackgasse. Für Anwohner und ansässige Gewerbetreibende muss es in vernünftigem Ausmaß bevorrechtigtes Parken geben, alle anderen dürfen nicht mehr kostenlos in der Innenstadt parken, an keinem Ort und zu keiner Zeit.
In Verbindung mit einem attraktiven und preiswerten VVS und intensiver Kooperation zwischen Einzelhandel und ÖPNV reduziert ein flächendeckendes Parkraummanagement das Verkehrsaufkommen in der Innenstadt, ohne dass dabei Einzelhändler und Arbeitsplätze verloren gehen müssen. Vielmehr wird dadurch der Abriss von Parkhäusern und ein Rückbau des überdimensionierten Parkraums ermöglicht, zugunsten von Wohnflächen, Fußgänger- und Fahrradwegen, Grün- und Freiflächen und öffentlichem Raum mit Aufenthaltsqualität - alles auch zum Wohle des Einzelhandels!
Zur Verkehrspolitik:
Wenn Ihr auf der einen Seite sagt, der Rosensteintunnel und ähnliche primäre Entlastungen machten keinen Sinn - müsst Ihr doch damit zusammenhängende Räder auch mit berücksichtigen! Die Anwohner an der Pragstrasse haben von so einer reinen Prinzipienreiterei nichts. Zumindest muss dann in diesem Zuge an damit zusammenhängenden Rädern mitgedreht werden, wie z.B. dem Ausbau der Park- and Ride-Infrastruktur in den Vororten, mit attraktiveren Pendler-Preisen und Taktzeiten und der Einführung einer Citymaut an der Stadtgrenze. Einfach nur das eine zu blockieren ohne dem anderen mindestens gleichzeitig auf die Sprünge zu helfen bringt nichts! Tempo 30-Zonen im Gerberviertel etc., wo ohnehin Autos nicht schneller können bringt dagegen wenig!
Der Heslacher Tunnel hat Stuttgart Süd und vor allem Heslach einen zweiten Frühling beschert. Ich kann mich noch gut an die Zeit davor erinnern, als sich die Kolonnen durch die Möhringer schoben. Kann sich Heslach also bei der CDU bedanken, dass dieser Zustand endlich sein Ende nahm, weil Ihr weiterhin Euer Prinzip von grundsätzlich weniger Autos geritten wärd? Bis heute und morgen? …
- Ich wäre für die Einführung einer Citymaut bei gleichzeitigem oder vorangeschaltetem Ausbau des Park- and Ride-Systems. Eine Maut isoliert einzuführen bringt wieder gar nichts, wenn man den Leuten keine vernünftige Alternative bietet - gleichzeitig. Also bitte weniger Ideologie und mehr praktische Politik! Und das Park- and Ride-System fristet irgendwie ein Stiefmütterchen-Dasein … Schwierig ist es vielleicht auch, weil solche Stellplätze schon jenseits Stuttgarts Grenzen aufgestellt werden müssten, oder dort wieder andere Regierungen am Werk sind. Ferner die die Blockaden im Kopf vieler Ländler bezüglich S-Bahn (”igitt, fahr ich nicht!”!!!).
Ergo: Bitte nicht einfach nur eine durchaus sinnvolle Option wie den Rosensteintunnel blockieren, weil man auf der Parole reitet “grundsätzlich weniger Autos!”, ohne dass man auf der andere Seite vernünftige und in der Umsetzung realistische Alternativen vorzeigt!
Ich weiß ja nicht, welche Möhringer Straße Sie meinen. Und auch weiß ich nicht, was sich mit dem Heslacher Tunnel entscheidend verbessert haben soll.
Ich bekomme täglich mit, wie zwischen 7:00 Uhr und 9:00 Uhr und ab 15:00 Uhr bis 18:00 Uhr der Massenstau vor, im und hinter dem Heslacher Tunnel dazu führt, dass sich die Fahrzeugkolonnen jetzt (nicht mehr durch die Möhringer Straße, dafür aber) durch die Böblinger Straße von Ampel zu Ampel quälen, weil der Tunnel die Verkehrsmassen in dieser Zeit nicht aufnehmen kann.
Fakt ist, dass man sich sicher Gedanken gemacht hat, wie man den Verkehrsfluss bis zum Tunnel verbessern kann. Doch am Tunnel selbst lässt sich nichts verändern. Und genau da ist das Problem (Nadelöhr). Es gibt gar keine Alternative dazu, die kurzfristig oder mittelfristig vernünftig umgesetzt werden kann.
Ideen gibt es da genug:
(1) Zweispuriger Ausbau des Heslacher Tunnels.
(2) Aufbau eines Schnellstraßen-Stadt-Rings um den Stuttgarter Kessel herum.
(3) Verbesserung des ÖPNV-Angebotes.
Und wie sieht es mit der Umsetzung aus?
(1) Wird wieder Jahrhunderte dauern, weil irgendwelche Bürgerinitiativen den Abgasgeruch in den Stoßzeiten retten wollen (ich hoffe, Sie merken die Ironie).
(2) Wäre theoretisch möglich. Aber praktisch kostet das natürlich auch Geld und bedeutet auch, dass angrenzende Naherholungsgebiete damit gefährdet werden. Noch mehr Bürgerinitiativen.
(3) Wäre für die Leute, die bereits mit dem ÖPNV unterwegs sind eine wesentliche Verbesserung. Eventuell erreicht man noch 10%-15% der Fahrer, die sich über die quälenden Blechmassen nerven. Aber wie Sie schon richtig sagen: Für einen eingefleischten Autofahrer ist jedes ÖPNV-Angebot keine echte Alternative. Und diese “Verbesserung” würde dann wieder einen Grund dafür liefern, dass man bei 40 Minuten Fahrt für 10 Kilometer mit 20 Euro dabei ist. Ach ich habe ganz vergessen, dass dann dafür andere Linien reduziert oder ganz abgeschafft werden müssen. Sonst finanziert sich das ja nicht.
Durch den Heslacher Tunnel hat sich Heslach nachhaltig entlastet: die einst fast explodierende Leonberger Straße beispielsweise wurde fast ganz stillgelegt und fast schon zurückgebaut. Man besuche nur mal den Südheimer Platz - ich denke, da gibt es keine Diskussion. Klar, die Situation vor und nach dem Tunnel ist kritisch, wegen den Spuren … Aber für den Bereich des Tunnels, nämlich Heslach, hat er gewirkt.
Das Problematische an der Grünen-Positionen, einen kategorischen Ausbau aller Straßen zu fordern ist eben dieses Ideologische. Wäre man beim Thema Heslacher Tunnel so verfahren, ginge es Heslach noch heute so beschissen wie damals, weil man weiterhin darauf warten würde, dass sich das Autofahr-Verhalten im Großen und Ganzen ändert. Und das kann dauern und hat bisher einfach nur gedauert: Jahrzehnte und -hunderte.
So ist das auch mit dem Rosensteintunnel. Ich befürworte ihn, im Gegensatz zu der Kulturmeile (die ist Quatsch!), weil dieses Nadelöhr dort an der Wilhelma wirklich Kacke ist. Hier zu warten, bis sich das Autofahrverhalten im Großen und Ganzen ändert wäre wieder eine Rechnung mit Jahrzehnten und -hunderten. Wenn die Grünen S21 vorwerfen dort würde nur mit zeit-fernen Verbesserungen argumentiert, dann tun die Grünen hier das selbe!
Der Rosensteintunnel brächte sofortige Entlastung für dieses Eck. Darüber hinaus sind Themen wie Citymaut etc. absolut noch möglich und sinnvoll! Aber wenn ich gerade wieder gelesen habe, dass die VVS ihre Preise deutlich erhöhen will, dann kann ich nicht erkennen, wo die Grünen ihre Ansätze anbringen, ausser beim kategorischen Aussprechen von ideologisch-geprägten Verboten. Das ist keine Politik!
@Pantelis Botsas: Lieber Herr Botsas, zuallererst mal: es kann gut sein, dass Sie die Möhringer Straße nicht kennen, weil sie heute einfach nun mal gerne übersehen wird. Aus einem Auto-Molloch ist eine fast gänzlich stillgelegte Straße geworden, auf der Kinder spielen können und neue Wohnungen entstanden sind. Nur ein kleiner, leicht zu übersehender Pfad führt vom Marienplatz zu ihr hin (Richtung Schreiberstraße) und lässt nichts mehr von dem erahnen, was einst mal war. Ferner vermute ich, dass Sie mit der Böblinger Straße die Hauptstätter Straße meinen, aber das ist eine andere Baustelle.
Wenn ich die Verbesserungen ansprach, die sich durch den Tunnel ergeben haben, dann beziehen diese sich auf den Stadtteil Heslach: Möhringer Straße bis Vogelrain. Dieser sollte mit dem Tunnel entlastet werden, und dieser wurde entlastet. Vielleicht fehlt Ihnen die Erfahrung dieser fernen Jahre, um die Zustände vergleichen zu können.
Klar, der Heslacher Tunnel hat an der Auto-Situation bundesweit nichts geändert. Es hat das Grundproblem nicht angepackt, aber er hat fast mit sofortiger Konsequenz einen ganzen Stadtteil von diesem Dreck befreit. Ein Schicksal, das ich auch der Neckarvorstadt wünsche.
Klar sollte man immer das Grundproblem im Auge haben, aber dieses ist eher eines des langen Atems. Aber der Atem zur Lösung des Grundproblems scheint hier verdammt lang sein zu müssen, denn: keine Spur von einer entscheidenden Attraktivitätsteigerung der ÖPNV durch weiter steigende Preise, keine Citymaut in Sicht, Durchfahrverbot für LKW wieder inaktiv, die P&R-Plätze verkommen und sind hier und da einfach zu teuer - kannste kicken! Wenn das so weitergeht, ist klar, dass Erleichterungen sofort kommen müssen. Auf den fernen Tag der ökologischen Erleutung in Stuttgart würde ich die Neckarvorörtler nicht warten lassen!
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